Drei Elfenbeinpyxiden aus dem umayyadischen Spanien

Drei Elfenbeinpyxiden aus dem umayyadischen Spanien

Muslim Post Editorial Desk@muslimpost

Die 968 datierte Pyxis des al-Mughira gehört zum Louvre. Zwei andere Kästchen im Met haben ihre Deckel verloren. Ein Vergleich von Inschriften, Maßen und Deutungen.

Eine andalusische Pyxis ist ein kleines zylindrisches Kästchen mit Deckel. Die Bezeichnung beschreibt zunächst die Form und belegt nicht, was sich darin befand. Für die Elfenbeinkunst des umayyadischen Hofs im zehnten Jahrhundert müssen drei Museumsobjekte auseinandergehalten werden: Die Pyxis OA 4068 des Louvre besitzt einen Deckel mit dem Namen al-Mughiras und dem islamischen Jahr 357, entsprechend 968; die Kästchen 30.95.175 und 1970.324.5 des Metropolitan Museum of Art sind andere Werke, deren Deckel fehlen. Die Inschrift des Louvre-Objekts gehört nicht zu einem der beiden Stücke in New York.

Das Titelbild zeigt eine eigenständige, KI-gestützte Rekonstruktion einer Elfenbeinwerkstatt. Es ist weder ein Foto noch eine Kopie einer erhaltenen Pyxis.

Was ist eine Pyxis, und wofür wurde sie verwendet?

Zum Typus gehört ein runder, zylindrischer Behälter mit gesondertem Verschluss. Bei den hier betrachteten Werken ließ sich das Elefantenelfenbein auf engem Raum fein und plastisch bearbeiten. Das Ergebnis war ein benutzbarer Gegenstand, der wertvolle persönliche Dinge aufnehmen konnte. Die Objektseite des Met zu einem zylindrischen Kästchen des zehnten Jahrhunderts ordnet diese Gruppe vor allem dem persönlichen Gebrauch umayyadischer Adliger zu und nennt kostbare Duftstoffe und Kosmetika. Die Objektseite einer weiteren Pyxis in den Cloisters erwähnt Schmuck und Kosmetika.

Solche Aussagen beschreiben die wahrscheinliche Funktion der Gattung, nicht den nachgewiesenen Inhalt jedes einzelnen Behälters. Ein bestimmtes Parfumfläschchen, ein Schmuckstück oder eine andere Kostbarkeit lässt sich ohne erhaltene Funde im Inneren nicht einfach behaupten. Auch die Nähe zum Hof belegt noch keinen konkreten Schenkungsakt für jedes Objekt. Zwischen Typus, möglichem Inhalt, benanntem Empfänger und späterer Sammlungsgeschichte liegen unterschiedliche Fragen und unterschiedliche Belege.

Ähnlich verhält es sich mit der Form des Deckels. Beide Met-Objekte haben ihre ursprünglichen Deckel verloren. Das Museum hält eine gewölbte Gestalt nach dem Vergleich mit anderen andalusischen Pyxiden für wahrscheinlich. Diese Rekonstruktion hat eine Grundlage, ist aber keine Beobachtung an den fehlenden Teilen selbst. Beim Stück des Louvre ist die Situation anders: Dort blieb der beschriftete Deckel erhalten, und damit eine unmittelbar am Objekt überprüfbare Datierung.

Córdoba und Madinat al-Zahra als historischer Rahmen

Córdoba war das politische Zentrum der westlichen Umayyaden. Nach der Ausrufung des Kalifats im Jahr 929 entwickelte sich die nahe gelegene Palaststadt Madinat al-Zahra zu einem Ort herrschaftlicher Repräsentation. Der Überblick des Met zur umayyadischen Kunst in Spanien verortet geschnitzte Elfenbeinobjekte in diesem höfischen Umfeld. Die Welterbe-Dokumentation der UNESCO zu Medina Azahara beschreibt die Mitte des zehnten Jahrhunderts errichtete Stadt als Sitz des Kalifats von Córdoba und nennt erhaltene Bauten, Infrastruktur und Dekoration. Ein kleines, tragbares Behältnis und eine monumentale Palastanlage gehören zu verschiedenen Maßstäben derselben politischen Kultur.

Der gemeinsame Rahmen ersetzt jedoch keine genaue Herkunftsangabe. Der Louvre nennt Madinat al-Zahra für die Pyxis des al-Mughira. Das Met verzeichnet das Cloisters-Stück als in Córdoba gefertigt, das kleinere Kästchen dagegen nur als aus Spanien stammend. Diese drei Katalogangaben sind nicht gleich präzise. Eine stilistische Ähnlichkeit kann bei einer Zuschreibung helfen; sie nennt nicht automatisch einen bestimmten Handwerker oder beweist, dass alle drei Behälter dieselbe Werkstatt verließen.

Einen Vergleich höfischer Bildkultur an einem anderen Ort und aus einer früheren Zeit bietet unser Beitrag zu den Mosaiken von Khirbat al-Mafjar. Die beiden Umgebungen lassen sich mit Blick auf Patronage und figürliche Kunst vergleichen. Das ist keine Behauptung über identische Künstler oder eine durchgehende Werkstattgeschichte.

Die beschriftete Pyxis des al-Mughira im Louvre

Der offizielle Louvre-Katalogeintrag zur Pyxis des al-Mughira führt das Werk als OA 4068, datiert es auf 968 beziehungsweise 357 nach islamischer Zeitrechnung und nennt Madinat al-Zahra als Herkunftsort. Das Material ist geschnitztes und graviertes Elefantenelfenbein. Der Katalog gibt eine Höhe von 18 Zentimetern und einen Durchmesser von 11,8 Zentimetern an. Am unteren Rand des erhaltenen Deckels läuft eine arabische Inschrift um das Gefäß. Sie nennt al-Mughira als Sohn des „Befehlshabers der Gläubigen“ und hält das Jahr 357 fest.

Diese Inschrift ist stärker als eine reine Datierung anhand des Stils. Sie belegt einen genannten Empfänger und eine Jahreszahl am Objekt selbst. Sie listet aber weder den ursprünglichen Inhalt auf noch erläutert sie Szene für Szene die Figuren auf dem Kästchen. Menschen, Tiere und Pflanzen sind Teil seiner Bildwelt; was sie in einer bestimmten politischen Situation ausdrücken sollten, muss anhand weiterer Hinweise erschlossen werden. Smarthistory erläutert eine Deutung der al-Mughira-Pyxis im Zusammenhang mit dynastischer Macht. Eine solche kunsthistorische Lesart ist von den ausdrücklich lesbaren Worten der Widmung zu unterscheiden.

Der Louvre-Katalog nennt als aktuellen Ausstellungsort zudem den Louvre Abu Dhabi im Rahmen einer längerfristigen Leihgabe. Eigentümer der Sammlung und gegenwärtiger Standort des Objekts sind nicht notwendigerweise derselbe Ort. Wer das Werk besuchen möchte, sollte die Standortangabe erneut prüfen, statt aus „Louvre“ unmittelbar auf eine Ausstellung in Paris zu schließen.

Zwei verschiedene Met-Objekte mit verlorenen Deckeln

Das „Cylindrical Box (Pyxis)“ genannte Met-Objekt mit der Nummer 30.95.175 ist ein spanisches Elfenbeinkästchen, das allgemein in das zehnte Jahrhundert datiert wird. Es ist 6,7 Zentimeter hoch und hat einen Durchmesser von 8,3 Zentimetern. Der Deckel fehlt. Das Museum nimmt aufgrund vergleichbarer andalusischer Kästchen an, dass er wohl gewölbt war. Der Eintrag nennt das Stück weder „Pyxis des al-Mughira“ noch dokumentiert er an diesem Objekt eine Inschrift von 968. Der Quellenlink der alten deutschen Seite führte dennoch zu diesem Met-Stück, als wäre es das datierte Louvre-Werk.

Das Met bewahrt außerdem eine Pyxis in den Cloisters mit der Nummer 1970.324.5. Der Katalog nennt Córdoba als Herstellungsort und datiert sie ungefähr auf 950 bis 975. Das Stück misst insgesamt 11,7 mal 10,5 Zentimeter. Auch sein Deckel ist verloren. Das Museum vermutet aufgrund anderer Beispiele, dass der ursprüngliche Deckel einen Namen und ein Datum getragen haben könnte. Eine heute lesbare Inschrift dieses Deckels gibt es jedoch nicht. Auf dem Körper erscheinen Vögel, Löwen und Gazellen zwischen Weinranken.

Die Inventarnummern verhindern den wichtigsten Irrtum: OA 4068 im Louvre besitzt die erhaltene Widmung an al-Mughira; 30.95.175 im Met ist das kleinere anonyme Kästchen; 1970.324.5 in den Cloisters ist ein weiteres, größeres und nur ungefähr datiertes Werk. Alle drei tragen zur Geschichte andalusischer Elfenbeinschnitzerei bei. Maße, Namen und Inschriften dürfen nicht von einem Katalogeintrag auf den anderen übertragen werden.

Was lassen Material und Relief über die Herstellung erkennen?

Elfenbein bot eine dichte Oberfläche für feine Reliefs. Der zylindrische Körper bildet ein umlaufendes Feld, während der Rand eines erhaltenen Deckels Platz für Schrift geben kann. Beim Louvre-Stück liegt die Datierung am Deckel; andere Flächen sind geschnitzt und graviert. Beim Cloisters-Stück betont der Met-Katalog die dichte Verbindung von Tieren und Ranken. Wer ein Kästchen dreht, sieht nacheinander verschiedene Abschnitte des Dekors. Gebrauchsfunktion und visuelle Gestaltung hängen bei diesen Objekten also eng zusammen.

Die geprüften Museumsseiten führen allerdings nicht jeden Arbeitsschritt, jedes Werkzeug oder jeden beteiligten Menschen auf. Aus einer geschnitzten Oberfläche folgt kein lückenlos belegter Ablauf in der Werkstatt. Das Titelbild dieses Artikels ist deshalb ausdrücklich eine Rekonstruktion, keine Fotografie einer ausgegrabenen Produktionsstätte. Die Sammlungsseite des Victoria and Albert Museum zur islamischen Kunst des Nahen Ostens führt eine weitere, Madinat al-Zahra zugeschriebene Pyxis aus der Zeit um 969 bis 970 an. Sie belegt, dass es eine Gruppe vergleichbarer Werke gibt, macht das V&A-Objekt aber nicht zu einer der drei hier verglichenen Museumsnummern.

Wertvolles Material und sorgfältige Ausführung deuten auf Zugang zu beträchtlichen Ressourcen. Sie identifizieren für sich genommen weder den sozialen Rang eines bestimmten Schnitzers noch die Zeremonie, bei der ein konkretes Kästchen weitergegeben wurde. Allgemeine Erzählungen über höfische Geschenke können einen Kontext bieten; eine erhaltene Widmung gibt für einen namentlichen Empfänger wesentlich direktere Auskunft.

Was ist Inschrift, was bleibt Interpretation?

Bei der Louvre-Pyxis sind der Name, das angegebene Verhältnis zu einem Herrscher und das islamische Jahr Bestandteil der erhaltenen Widmung. Der Louvre nennt die entsprechende Jahreszahl 968, beschreibt die Sprache als Arabisch und die Schrift als kufisch. Diese Angaben können unabhängig von einer Deutung der Löwen oder menschlichen Figuren überprüft werden. Eine politische Lesart des Bildprogramms mag überzeugend sein; sie ist dennoch nicht dasselbe wie die Entzifferung der Worte auf dem Deckel.

Bei den beiden Met-Kästchen können die fehlenden Deckel heute weder einen Stifter noch einen Besitzer oder ein eingraviertes Jahr bezeugen. Kuratorinnen und Kuratoren können Form, Proportionen und Relief mit datierten Vergleichsstücken abgleichen. Daraus entsteht ein ungefähres Zeitfenster oder eine wahrscheinliche Zuschreibung. „Um 950 bis 975“ lässt sich nicht zu „durch eine Inschrift exakt 968 datiert“ umformen. Wörter wie „wahrscheinlich“ und „ungefähr“ kennzeichnen die Grenze des tatsächlich erhaltenen Befundes.

Auch bei der Online-Recherche hilft diese Unterscheidung. Die Suche nach „al-Mughira-Pyxis 968“ sollte zum Louvre-Objekt OA 4068 führen. Die Suche nach „andalusische Met-Pyxis ohne Deckel“ könnte zwei unterschiedliche New Yorker Kästchen betreffen. Museum, Inventarnummer, Maße und Erhaltungszustand sollten deshalb zusammen mit einer Aussage über das Objekt stehen.

Tiere, Menschen und Pflanzenmotive lesen

Löwen, Gazellen, Vögel, Menschen und Weinranken bilden sichtbare Bestandteile der Dekoration. Sie können zugleich symbolische Lesarten nahelegen. Der Cloisters-Katalog benennt die Tiere und das dichte Rankengeflecht an seiner Pyxis. Für das Louvre-Stück beschreibt Smarthistory eine mögliche Verbindung einzelner Szenen zur umayyadischen Herrschaft. Das ist ein Argument aus Bild und historischem Kontext, kein Kommentar, der unter jeder Figur eingraviert wäre. Andere Deutungen müssen nicht ausgeschlossen werden, um den sichtbaren Befund ernst zu nehmen.

Figürliche Motive an solchen weltlichen Hofobjekten widerlegen die pauschale Behauptung, islamische Kunst zeige grundsätzlich keine Menschen und Tiere. Daraus folgt umgekehrt keine einheitliche Regel für jede Moschee oder jedes religiöse Medium. Unser Museumsvergleich zu Menschen und Tieren in islamischer Kunst trennt die unterschiedlichen Kontexte. Für Blätter und umlaufende Ranken erläutert unser Beitrag zu Arabesken die gestalterischen Grundformen.

Ein Blick auf den Stuck von Samarra bietet einen Vergleich der Flächengestaltung in einer anderen Region, einem anderen Material und einem anderen politischen Umfeld. Ähnliche Ordnungsprinzipien beweisen nicht, dass die drei Kästchen in Córdoba von Handwerkern aus Samarra hergestellt wurden. Die Trennung zwischen visuellem Vergleich und belegter Herkunft schützt vor genau solchen Kurzschlüssen.

Was bleibt von der höfischen Elfenbeinkunst sichtbar?

Die Überlieferung ist ungleichmäßig. Ein Körper kann erhalten bleiben, während der Deckel und eine mögliche Namensinschrift verloren gehen. Spätere Sammlungsgeschichten führten die Werke weit von ihrem ursprünglichen Gebrauchsort fort. Moderne Kataloge halten fest, was ein Museum besitzt, was es dem Werk zuschreibt und was es aus Vergleichen folgert. Erst wenn diese Ebenen getrennt bleiben, ergeben mehrere Objekte ein belastbares Gesamtbild.

Der Eintrag des Met zu seiner Cloisters-Pyxis verweist auch auf Beziehungen zwischen andalusischem Dekor und späteren romanischen Elfenbeinen und Handschriften. Das ist eine Aussage über künstlerische Traditionen, kein Nachweis, dass ein bestimmter späterer Künstler gerade das heute unter 1970.324.5 katalogisierte Kästchen unmittelbar kopierte. Für den Weg eines einzelnen Objekts wären weitere datierte Hinweise zu Besitzern, Orten und Übertragungen nötig.

Die sichere Schlussfolgerung ist dennoch reichhaltig: Eine andalusische Pyxis war ein nutzbarer Luxusbehälter. Elfenbein, Form und Relief zeigen kunstfertige Arbeit und höfische Ansprüche. Ein erhaltener beschrifteter Deckel kann Namen und Jahr belegen; ein verlorener Deckel lässt diese Fragen offen. Der Vergleich der Louvre- und Met-Kataloge macht die umayyadische Kunst des zehnten Jahrhunderts genauer sichtbar, gerade weil er die drei Stücke nicht zu einem einzigen verschmilzt.

Quellen